Lebende Schatten - Chroniken des Amandil

Teil 1: Junge Jahre eines Bastards

Um gefällte Entscheidungen, Handlungen und den Wandel meines Wesens zu begreifen, halte ich es für notwendig weit auszuholen. Prägende erste Erfahrungen zeichneten sich bereits in meiner Kindheit ab. Es überrascht wahrscheinlich nicht weiter, wenn ich nun schreibe dass meine Kindheit der biblischen Hölle gleich zu setzen wäre. Meine Eltern habe ich seit ich zurück denken kann dafür gehasst, mich in diese Welt gesetzt zu haben. Dabei kann ich ihnen nicht einmal den Vorwurf machen, mich schlecht behandelt oder nicht gewollt zu haben. Das macht die Sache so… schwierig.

Ich war ein Kind, aus Liebe gezeugt. Jener Liebe die als unrein galt und gesellschaftlich nicht akzeptiert worden war. Mein Vater hatte sich in die vergängliche Schönheit einer Frau aus dem Geschlecht der Menschen verliebt und aus der nächst größeren Stadt, zu sich in die Siedlung geholt. Die Probleme waren vorprogrammiert. Eine Menschen-Frau in einer Siedlung eines Clans der Hochelfen. Keine einfache Besucherin, keine Botin oder Verbündete. Schlimmer: Eine Frau deren Schoß das reinblütige Geschlecht der verdammten Spitzohren besudeln und einen elendigen Bastard gebären sollten. Mochte ich auch ein Wunschkind sein und von meinen Eltern Liebe erfahren haben, war ich in den Augen anderer doch eine Schande und ein Verbrechen gegen die Natur.

Ginge es nach den übrigen Einwohnern der Siedlung, man hätte mich am liebsten im nächsten Bach ertränkt. Schon meine viel zu kurz gewachsenen Ohren und die weitaus kantigeren Gesichtszüge auch im jungen Alter trafen nicht nur bei anderen Kindern auf Abscheu und Schlimmeres. Wüste Beschimpfungen waren noch die harmloseste Begleiterscheinung der meisten Tage. Dabei ließe sich darüber streiten, ob das viel gerufene „Rundohr“ als Beleidigung zu verstehen war. Ginge es nach mir, so war es ein Kompliment, nicht mit diesen verdammten spitzohrigen Astfickern und ihrer hochnäsigen Art gleichgesetzt zu werden.

Das Haupt des Halbelfen hob sich und starrte über einige Sekunden lang, einen undefinierten Fleck an der dunklen Wand hinter dem Bildschirm an. Die leicht zusammen geschobenen Augenbrauen, ein verräterisch zuckender Mundwinkel, waren Indizien wie die Erinnerung an diese Zeit auch nach so vielen Jahren noch in ihm arbeitete und den Hass auf die heute fast ausgestorbene Rasse der Elfen geformt hatte. Ungehört verklang sein verächtliches Schnaufen, als sich der Blick wieder auf den Bildschirm senkte und der kleine Finger die Eingabe-Taste betätigte, um einen neuen Absatz zu starten.

Oft genug kam es vor dass andere junge Elfen mich in Gruppen stellten, herum schubsten oder gar mit Stöcken und Steinen jagten. Die Älteren sahen meist tatenlos zu, ließen sich an schlechten Tagen gar dazu hin reißen ihre Sprösslinge anzufeuern. Für sie war es nur ein Spiel um die Kinder auf den Krieg vorzubereiten. Schon viele Könige und ganze Reiche hatten einzelne Siedlungen in der Vergangenheit dem Erdboden gleich gemacht, um Landstriche wie Wälder unter ihre Herrschaft zu stellen. Zumeist Menschen mit einer Krone, selten Zwerge oder andere Völker. Wurde ich geschnappt, geschlagen und getreten, waren die Wunden oberflächlicher Natur. Was wirklich schmerzte, waren die Wunden die im Innersten gerissen wurden.

Auf ewig ein Außenseiter ohne die Möglichkeit Freundschaften zu schließen. Gering geschätzt, verachtet oder gar gehasst. Wenn ich morgens die Hütte verließ und über die kleine Holzbrücke des Baches lief, wusste ich nie was passieren würde, sobald ich aus dem Sichtfeld meiner Mutter entschwand. Würde ich diesen Tag meine Ruhe finden? Musste ich damit rechnen, aufgelöst und mit Tränen in den Augen nach hause zu eilen? Oder würde ich mir eine Schürfwunde am Ellbogen reiben, die ein Stock mir zufügen würde, wenn ich über eine Wurzel gestolpert und wehrlos im Dreck lag?

Elfenhaus

Meine Mutter war ratlos und fand bei den anderen Anwohnern als Verachtete und Mutter eines Bastards selbst kein offenes Ohr, sah hilflos mit an, wenn ich wieder mit verschmutzter oder gar eingerissener Kleidung schreiend nach hause lief. Mein Vater konnte dazu nichts sagen, oder wollte nicht. „Worte können dich nur verletzen, wenn du die Person in dein Herz lässt.“ und andere kluge Sprüche erzählte er mir Abends an Stelle einer Gute-Nacht-Geschichte. Doch die Worte halfen nicht und Taten blieben aus. Wann immer er sich für mich, seinen Sohn gegenüber seiner Freunde und Nachbarn stark gemacht hatte, verschwand dieser kurze Zeitraum des Schutzes, sobald er wieder mit anderen Spähern los zog und oft für Tage die Siedlung verließ. In diesen Tagen kehrte sich die zuvor erlebte Ruhe in noch stärkere Missgunst um dem Vatersöhnchen zu lehren, nicht wieder zu petzen.

Dies sind die Erinnerungen die ich aus frühester Kindheit besitze. Wie alt ich damals war vermag ich heute nicht mehr zu sagen. Diese Zeit liegt zu lange zurück. Im Alter von sechs vielleicht waren es auch schon acht Jahren, hielt ich diese Feindseligkeit nicht mehr aus. Über Jahre waren meine Eltern die einzigen Personen mit denen ich hatte reden können, die einzigen die nicht das Gefühl geweckt hatten unerwünscht zu sein. Und dennoch: Sie waren diejenigen, die über lange Zeit nichts an diesem Zustand veränderten. Ich empfinde heute noch tiefen Hass, wenn ich an die Tage zurück denke. Warum hatten sie ein Kind in eine Welt gesetzt, wissend dass ihr Spross das genaue Gegenteil ihrer Liebe aus seinem Umfeld aufnehmen würde?

Selbst für damalige Verhältnisse war ich noch ein Kind, als ich wieder eine Nacht mit blauen Flecken und noch immer brennender Augen wach in meinem Bett liegend einen Entschluss fasste. Meine Mitelfen hassten mich und ich hasste sie dafür. Meine Eltern boten mir keinen Schutz und entließen mich in diesen Alptraum. Dafür hasste ich sie ebenfalls. Der Mond war von Wolken verhangen, als ich in dieser Nacht einen Laib Brot, einen Schlauch mit Milch und einiges Obst in ein Bündel wickelte, leise knarzend die Türe unserer Hütte öffnete und so schnell mich meine jungen Füße tragen konnten davon lief.

Nur wenig Licht schien durch die Wipfel der Bäume auf die Lichtung, in der die Elfen-Siedlung errichtet worden war. Ich überquerte die kleine Brücke, lies den Grund meines Vaters hinter mir. Meine Füße wirbelten Gras auf, als ich den Trampelpfad an der Lagerhütte vorbei lief. Mein Herz schlug schmerzhaft vor Aufregung und Wut als das Gras mehr und mehr Laub, Moos und Erde des Waldes wich. Ich rannte und bremste meinen Lauf erst, als ich im Dämmerlicht der aufgehenden Sonne, die letzten Baumreihen meines nie als Heimat empfundenen Waldes erspähte.


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