Lebende Schatten - Chroniken des Amandil

Wie die Geschichte beginnt

Der Tower Sheratans zählte auch zu nächtlicher Stunde zu einem stets hell erleuchteten und rege besuchten Ort. Sowohl auf dem Parkplatz gegenüber der Parkanlage, als auch in der geräumigen Lobby herrschte lebendiges Treiben. Besucher, Anwohner und Personal kreuzten wie Ameisen die Wege, belagerten Fahrstühle und Rezeption oder gaben sich an den gläsernen Drehtüren zwischen Ankunft und Verabschiedung gegenseitig die Hand.

Die Fahrt in einem der Fahrstühle hatte das gewohnte Muster. Ein gutes Dutzend Leute drängte sich in die nächste freie Kabine mit dem Ziel in die oberen Etagen. Alle zwei, drei Stockwerke stoppte die Fahrt und auf das Öffnen der Türe hin marschierten mal einzelne, manchmal auch paarweise Leute von dannen. Im fünfzehnten Stock schließlich wurde auf einen Express-Lift in die obersten Stockwerke gewechselt. Hier kamen kaum mehr als noch einer, selten zwei Zwischenstops hinzu. Heute glitt der Fahrstuhl so geräuscharm wie schnell ohne jede Unterbrechung bis in die obersten Stockwerke. Hier, auf dem letzten noch bewohnbaren Stockwerk war seit über sechs Jahren die Unterkunft des Halbelfen.

Halbelfen? Ja, diese Gestalt die sich da den kurzen Gang zur Türe des Apartments entlang schleppte, war trotz zahlreicher Übereinstimmungen nicht gerade als Mensch zu bezeichnen. Doch dies war für den Moment ohne Bedeutung. Die Gewohnheiten und der Lebensstil war nicht weiter ungewöhnlich. Und die abweichenden Details hätten auch als seltsamer Spleen durchgehen können. Freaks gab es schon immer zur Genüge, die auch nicht vor einem völlig entstellten Äußeren zurückschreckten um ausgefallen zu erscheinen.

Ein mechanisches Klicken entsperrte die Türe, als die Zugangskarte durch den Leseschlitz des Türschlosses gezogen wurde und gab so den Eintritt in das traute Heim frei. Auf den ersten Blick ein geräumiges Apartment wie es angesichts der besonderen Lage zu erwarten wäre. Helles Parkett im Wohnbereich, weißfarbene Ledergarnitur vor einem großen Flachbildfernseher. Schränke und Regalmöbel waren schlicht und modern gehalten, überzeugten eher durch klare Linien als denn extravaganten Stil. Doch selbst auf den zweiten und dritten Blick fehlte dem Raum das wohnliche. Eine Zeitung auf dem gläsernen Fernsehtisch bei dem auch die Fernbedienung und einige Krümel einer Nussschale herum lagen, weiter nichts. Fast mutete der Raum wie ein neutrales Hotelzimmer an. Nichts was auf die Bewohner oder deren Gepflogenheiten und Vorlieben schließen lies.

Das Eichhorn sprang von der Schulter herunter, kaum dass der Sessel nah genug gekommen war, um diesen zusammen mit dem Sofa als größere Stufen auf den Grund zu gebrauchen. Dem blasshäutigen Gesell immer zwei, drei Schritte voraus springend, traten beide den Weg in die Küche an; der schweigsame Halbelf und das erwartungsvoll knurrende Eichhorn. Ihre Ziele wiesen recht ähnliche Richtungen auf. Für den ehemaligen Bewohner eines Waldes war es die Küchenzeile, auf der eine kleine Schale mit Beeren, Eicheln und Gemüsestreifen stand. Mochte der Halsband tragende Gesell auch eine überraschend gute Disziplin aufweisen, mit dem Futter vor Augen war der Anstand gebrochen. Die Geräusche vom wühlen in der Schale und den verzehrenden Lauten war in der Stille gut zu vernehmen, als der große Begleiter den Kühlschrank öffnete.

Selbst als Spleen lies sich nicht mehr bezeichnen was sich in dessen Inneren offenbarte. Neben einer noch nachvollziehbaren, halbvollen Flasche Whiskey und einem Schnapps aus örtlicher Produktion, reihte sich ein Päckchen Blutplasma an das nächste. Die meisten davon trugen Aufkleber, mit denen die Beutel als Besitz des örtlichen Krankenhauses gekennzeichnet wurden. Ein eben solcher Beutel wurde entnommen und kaum dass die Türe die Kälte wieder im Inneren bewahrte, der obere Rand mit Hilfe der Zähne aufgerissen. Das Eichhörnchen hob den Blick nur kurz, abgelenkt von den klirrenden Geräuschen, mit denen der Halbelf ein Glas aus dem oberen Fach des über der Spüle montierten Schranks entnahm. Mit dem gluckernden Geräusch das mit dem Umfüllen des Blutes von der Packung in das Glas einher ging, widmete sich das kleine Tier wieder seiner eigenen Nahrung und scherte sich auch nicht weiter, als der blasse Gefährte mit dem Glas in der Hand die Küche verließ und das Plastik in der Spüle liegen lies.

Sein Weg führte in das Schlafzimmer, abgedunkelt als wäre Licht eine tödliche Pest die fern zu halten war und zugleich dank des Schreibtisches ein Rückzugsort um der Büroarbeit nachzugehen. Das großzügig dimensionierte Bett wurde ebenso ignoriert wie der mit Spiegelfront versehene Kleiderschrank. Ersteres hatte seit einigen Wochen keine Existenzberechtigung mehr und Letzterer wurde schlicht nicht benötigt. Ziel war vielmehr der Bürostuhl vor dem Computer. Mit leisen Ächzen und einer schwerfälligen Bewegung sank der noch immer im Anzug befindliche Mann auf den Platz nieder und betätigte mit ausgestreckter Hand den Schaltknopf um das Gerät hochzufahren.

Während der Arbeitsrechner leise surrend den Startvorgang einleitete, wurde ein Schluck aus dem mit Blut gefüllten Glas genommen, bevor dieses auf der Seite neben der Tastatur abgestellt worden war. Während die rechte Hand nach einem kleinen Bilderrahmen auf dem Tisch griff um sich das Motiv einen Augenblick lang anzusehen, wurde mit linker Hand eine Handfeuerwaffe aus dem auf Brusthöhe getragenen Halfter unter dem Jackett hervor geholt und mit dumpf metallenen Laut in einer Schublade des Tisches entsorgt.

Foto Lenara Antum

Das Foto war eigentlich nicht einmal ein wirkliches Fotomotiv. Tatsächlich handelte es sich nur um einen vergrößerten Ausschnitt aus einer älteren Zeitung und zeigte eine Frau. Lenara Antum, jene Frau vor deren Grab er vor nicht einmal einer halben Stunde gestanden hatte. Nur noch in Ausschnitten war die Beschriftung des Redakteurs zu entnehmen, der diese Frau einst als die Braut des Schlächters bezeichnet hatte. Der Schlächter, das war er selbst. Er hatte viele Jahre Zeit mit dieser Frau verbracht und eine Menge Zeit gehabt. Und doch waren die einzigen Fotos die in dieser Zeit entstanden fragwürdiger Natur. Die Motive eines geschenkten Kalender waren zwar geschmackvoll, aber ebenso wenig geeignet gewesen um sie öffentlich auszustellen. Und so war die einzig wirklich persönliche Note in diesem Raum, ein Zeitungsausschnitt in einem Bildrahmen.

Der Blick auf diese Frau hatte den Mischelfen in Gedanken versinken lassen. Der piepende Ton der Anmeldemaske lies ihn erschrocken blinzelnd hochschrecken und seine Aufmerksamkeit auf den Bildschirm gleiten. Fast wirkte es als hätte er tief ausgeatmet, bevor er das Bild zur Seite stellte und die Anmeldung am Computer vornahm, um ein Textverarbeitungsprogramm zu öffnen.

Minuten vergingen in denen die weiße Seite der Vorlage reglos angestarrt wurde. Nur kurz hatte der Mann nach dem Glas gegriffen und einen erneuten Schluck des ungewöhnlichen und für die Meisten ungenießbaren Getränks zu sich genommen. Erst nach einem wiederholten Blick auf das Bild legten sich die Finger schließlich auf die Tasten und die Stille wurde von den klickenden Lauten der Tastenanschläge gestört. Mit geübten Griffen und schnellen Tastenanschlägen wurde begonnen das leere Blatt zu füllen.

Diese Zeilen stellen ein Vermächtnis und ein Geständnis dar. Mein Name ist Spark Amandil. Wer immer dies liest, wird mehr über mich wissen als je ein Wesen zuvor.


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