Lebende Schatten - Chroniken des Amandil

Wo die Geschichte ihren Anfang nimmt

Im Jahr 2067 hatte die Menschheit schon einige Veränderungen durchlaufen müssen. Die Gesellschaft war mehr und mehr von Korruption und politischen Intrigen gespalten. Große Städte wuchsen zu Metropolen, mit einer ersten Mondkolonie wurde das All vor einigen Jahren erfolgreich besiedelt. Schwebeautos blieben weiterhin Zukunftsmusik und die Kriminalität war in größeren Städten längst zu einem Problem herangewachsen, dem die Polizei mit massiven Gewalteinwirken und verkürzten Prozessverfahren entgegen wirkte.

Die Metropole Sheratan zählte zu einer dieser Problemstädte. So schillernd die gewaltigen Bauten auf einer Insel vor dem nordamerikanischen Festland als Teil einer Inselkette auch sein mochten, in den Gassen der Hochhäuser und Wolkenkratzer bildeten sich über die Jahre mehr und mehr Slums. Was als kleine Gruppierung ihren Anfang nahm, wuchs binnen weniger Monate zu Banden heran. Zumeist organisierte Verbrechersyndikate, die oft hinter dem Deckmantel einer legalen Fassade blutige Kriege gegen die Polizei und andere Banden führten. Kaum Jemand zog in diesen Jahren noch freiwillig nach Sheratan, wenn Beruf oder Berufung nicht dazu zwangen. Tote gab es regelmäßig. Wo in anderen Städten Verkehrsunfälle und Krankheiten dominierten, waren es in dieser Metropole Morde, mit denen die Gräber der städtischen Friedhöfe gefüllt wurden.

Auf eben einem solchen Friedhof beginnt diese Geschichte. Es ist ein warmer Sommer im Jahr 2067 und dank der zahlreichen Lichter der Stadt, ist es selbst in den frühen Stunden nach Mitternacht nicht wirklich dunkel auf dem Totenacker. Diffus wirkt der nächtliche Himmel in einem leicht orangefarbenen Grauton erleuchtet und die Schatten der Grabsteine zögen sich auch ohne die spärliche Beleuchtung der Wege in die Länge. Zu nächtlicher Stunde waren selten Personen auf dem Friedhof unterwegs, weshalb die Gestalt auf dem Hügel umso stärker hervor stach. Seit einer guten viertel Stunde hatte sich die Person mit hagerer Statur nicht bewegt. So dunkel der Stoff des getragenen Anzugs ausfiel, so sehr stach in dieser Nacht die weißfarbene Haarpracht aus dem Dunkel heraus.

Ein Doppelgrab war es, vor dem der Mann mit dem hellen und länglich gewachsenen Haar stand. Der erste Grabstein wies bereits einige Jahre der Witterung auf und war über lange Zeit vernachlässigt worden. Der zweite Grabstein gab sich ähnlich schlicht, musste aber erst vor kurzen aufgestellt worden sein. Die Erde des Grabes war frisch umgegraben worden, Pflanzen, Gras oder Unkraut hatten noch nicht zu wuchern begonnen. Auf beiden Gräbern lag je eine Rose. Eine rote auf dem linken Grab, eine weiße Rose auf dem rechten, dem frischen Grab. Zwei Frauen war dieses Grab gewidmet. Beide mit einer kurzen Lebenslinie von weniger als dreißig Jahren, beide mit identischen Nachnamen. Leandra und Lenara Antum. Dem Alter nach zu urteilen handelte es sich um Schwestern, von denen die Ältere nun auch einen Ort zum Gedenken gefunden hatte.

weisse-Rose

Tatsächlich gab es allerdings kaum etwas zu gedenken. Das Grab wurde in Abwesenheit von Trauernden mit einer Urne gefüllt. Jener Mann der den Kopf hob und nun langsam drei Schritte zurück trat, war der erste Besucher, seit die Erde über dem Gefäß verschlossen worden war. Einzig ein Pfarrer der Stadt und das Friedhofs-personal hatten dem Grab bislang Aufmerksamkeit geschenkt. Drei Tage lag dies nun schon zurück. Und was den Schwestern blieb, war je eine Rose und das nachdenkliche Nicken des seltsamen Mannes, als dieser sich abwandte und mit in den Hosentaschen vergrabenen Händen langsamen Schrittes den Weg in Richtung Tor entlang marschierte.

Nur wenige Haarsträhnen folgten dem Ruf des leichten Windes und tänzelten vor dem bleichen Gesicht. Ein Gesicht als hätte es der Tod höchstpersönlich gezeichnet. Die Haut ohne jede Farbe, von verschiedenen Narben gezeichnet, hätte einem Toten gehören können. Wo das Weiß der Augen gesucht wurde, waren zwei Augäpfel so schwarz und leer als wollten sie das Licht und das Leben ihrer Umgebung in sich aufsaugen und in unendlicher Leere verschlingen. Spitz zulaufende Ohren waren hilfreich die ungebändigte Mähne in gewisser Weiße im Zaum zu halten, wirkten aber keinesfalls menschlich.

Abgesehen von dem leisen Knirschen der Kieselsteine bei jedem Schritt, unterbrechen erst kurz vor dem Tor fremdartige Laute die Stille der Nacht. An einem Ort der selbst vom Geräusch des selbst Nachts regen Straßenverkehrs weitgehend unberührt blieb, waren es die hektischen Geräusche eines roten Eichhorns, das mit eiligen Sprüngen quer über diverse Gräber und Grünflächen zu dem Mann aufschloss. Ohne nennenswerte Reaktion eben dieser Person, fanden die winzigen Krallen des Tiers am Stoff der Hose halt, um mit weiteren Sprüngen am Leib des gedungenen Mannes empor zu klettern. Erst auf der Schulter angekommen fand das aufgeregt hin und her blickende Wesen wieder Ruhe und entlockte seinem größeren Gefährten einen geringfügigen Blick zur Seite.

Ein merkwürdiges Paar welches da durch das Tor des Friedhofs schritt und Minuten später, begleitet von Motorengeräuschen in einem Fahrzeug in die Nacht davon fuhren. Zurück blieben die Gräber Verstorbener, Verschollener oder auch vermisster und zuletzt aufgegebener Personen. Jedes Grab mit einer eigenen Geschichte, nicht wenige erzählten von traurigen Umständen. Und doch hatten diese beiden Gräber erst jetzt einen Zuhörer gefunden.


2 Kommentare zu “Wo die Geschichte ihren Anfang nimmt”

  1. Larcerus sagt:

    *,..,*

    sau geil geschrieben großer ^,..,^

  2. Nahmima sagt:

    Wie schön….los, schreib weiter! Macht richtig Spaß zu lesen :-)

Kommentar schreiben